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Zeitzeugenexkursion des Kunst- und Geschichtsprofils

16. November 2015


Geschichte

Am Montag, den 09.11.15, nahm das Kultur & Gesellschafts-Profil an einem Zeitzeugengespräch mit Holocaust Zeitzeugen im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung teil.
Die Veranstaltung, die unter dem Namen „Erinnerung an Verfolgung und Entrechtung 1933-1945“ lief, beinhaltete drei Rednerinnen, die ihre Erinnerungen und Eindrücke schilderten. Der Leiter des Instituts hob in seiner Begrüßung hervor, dass Zeitzeugen nicht berichten könnten wie diese Zeit in Deutschland war, sondern nur, wie sie persönlich sie erlebten und erinnern.

Die erste Rednerin, Norma von der Walde, wurde selbst erst kurz vor Kriegsende geboren. Sie berichtete über die Geschichte ihrer portugiesisch stämmigen Familie und setzte den Fokus auf die Lebensgeschichte ihres jüdischen Vaters. Sie erzählte von seiner Jugend im nationalsozialistischen Deutschland, seiner Beteiligung am Widerstand, seiner Haftstrafe im Konzentrationslager, der Flucht nach England und schließlich der Rückkehr in das Deutschland der Nachkriegszeit.
Frau von der Waldes Bericht wurde von einer Power Point Präsentation begleitet, sie wirkte sehr professionell und routiniert, fast schon distanziert. Auf uns Schüler, die mit authentischen und persönlichen Berichten aus unvergleichlichen Perspektiven gerechnet hatten, wirkten Frau von der Waldes Erzählungen deshalb eher ernüchternd und weniger authentisch als von uns erwartet.
Nach der Schilderung der Lebensgeschichte ihres Vaters richtete Frau von der Walde eine persönliche Botschaft an alle anwesenden Schüler und stellte einen Bezug zwischen ihren Erzählungen und der aktuellen Flüchtlingssituation her. Sie rief uns dazu auf, Ausgrenzung und Hass durch Wachsamkeit und Neugierde gegenüber anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften zu verhindern. Sich mit der Geschichte auseinanderzusetzten, sei also, auch bezogen auf aktuelle Entwicklungen, ein Muss für alle Bürger Deutschlands.

Während Frau von der Waldes Präsentation sehr routiniert und sicher wirkte, kam im Gespräch mit der zweiten Rednerin eine ganz andere Art von Zeitzeugengespräch zur Geltung. Inge Weiß, ein Mitglied der größten Sinti-Familie Hamburgs, berichtete wütend und traurig von der andauernden Diskriminierung gegenüber Sinti und Roma in Deutschland. Auch lange nach dem Ende des Nationalsozialismus werde sie noch ausgeschlossen, von Nachbarn diskriminiert und wie eine Bürgerin zweiter Klasse behandelt. Sie berichtete von einer Kindheit nach Kriegsende in der es ihr unmöglich war, offen mit ihrer Sinti Herkunft umzugehen. Weiterhin von einer einsamen und isolierten Jugend und der Trauer darüber, dass auch ihre eigenen Kinder in der Schule noch Diskriminierungen und Demütigungen erfahren hätten. Dadurch bezogen sich ihre Schilderungen im wesentlichen auf gegenwertigen Probleme und weniger auf den historischen Kontext.

Auch Frau Weiß stellte, wie Frau von der Walde, einen Bezug zu aktuellen Geschehnissen her. Sie sei heute hier, sagte sie, um die Wahrheit nach außen zu tragen und die Geschichten des Leidens der Sinti und Roma zu verbreiten. Nur durch Wissen und Wachsamkeit könne man Bewegungen wie zum Beispiel „Pegida“ Einhalt gebieten.
Unterstützt wurde Frau Weiß bei ihrem Vortrag von Frau Kehrt, der Vorstandsvorsitzenden des Sinti und Roma Verbandes in Hamburg. Frau Kehrt zählte wenig anschaulich Jahreszahlen auf und las aus einem Text einige Fakten vor.

Gerade weil wir uns im Unterricht mit einer Diskussion zu dem Thema „Chancen und Schwierigkeiten von Zeitzeugenberichten“ auf die Exkursion vorbereitet hatten, waren viele von uns etwas enttäuscht von den Gesprächen mit Frau von der Walde, Frau Weiß und Frau Kehrt.
Alle Rednerinnen waren kritisch gesehen nur Zeitzeugen zweiter Generation. Sie gaben Erinnerungen weiter und Berichteten über die Schicksale ihrer Familien. Sie selbst waren zu NS Zeit aber zu jung, um uns persönliche Einblicke in die alltäglichen Auswirkungen der nationalsozialistischen Unterdrückung geben zu können. Vielleicht liegt darin die Ursache für Frau von der Waldes nüchterne Vortragsweise und Frau Weiß weitgehende Beschränkung auf Berichte der Nachkriegszeit und Gegenwart.

Wir hatten das Zeitzeugengespräch im Vorhinein vor allem als besondere Möglichkeit empfunden, da wir wissen, dass wir zu den letzten Schülergenerationen gehören, die die Möglichkeit haben werden, mit echten Zeitzeugen zu sprechen. Bezüglich dieses Aspekts konnte das Zeitzeugengespräch unsere Erwartungen und Hoffnungen also leider nicht erfüllen. Auch der Zusammenhang zwischen der spezifisch deutschen Geschichte und den geschilderten aktuellen Problemen wurde nur von Frau von der Walde ansatzweise hergestellt. Frau Weiß und Frau Kehrt gelang dies nicht.
Ich bin jedoch der Meinung, dass die persönlichen Botschaften der Rednerinnen einen durchaus zum Nachdenken über eigenes politisches und öffentliches Engagement angeregt haben. So war die Zeitzeugen-Exkursion zwar ganz anders als erwartet, aber doch eine interessante Erfahrung.

Nieke Wagner, S3

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