Seit nun 10 Tagen ist die Sunshine Band im Sunshine State Florida unterwegs. In der letzten Woche waren wir bei der Tampa Preparatory School zu Gast und haben dort den Unterricht besucht, gemeinsam musiziert und die amerikanische Kultur und Natur auf uns wirken lassen. Am Freitag haben wir die lange Fahrt nach Miami angetreten, um nun die kommende Woche an der Palmer Trinity School zu verbringen. Auch hier haben wir das gleiche Programm, aber mit Miami-Geschmacksrichtung, „Veterans Day“ und 75% Luftfeuchtigkeit.
Mehr als Musik: „Mixed Emotions“ und Völkerverständigung am Veterans Day
(Erfahrungsbericht einer Begleiterin des Florida-Austauschs 2025)
Am vierten Tag nach ihrer Ankunft in Miami sitzt die Sunshine Band zusammen mit der Band der Palmer Trinity High auf Klappstühlen einer improvisierten Bühne in der Sporthalle. Als die Bands zusammen die amerikanische Nationalhymne anstimmen, kann ich mir noch nicht vorstellen, welche Resonanz die etwas unbeholfen klingende Geste im Publikum erzeugt.
Es ist Veterans Day. Die USA ehren an diesem Tag mit Ernst und Aufwand ihre SoldatInnen, und alle Schüler und Schülerinnen der Palmer Trinity High haben am frühen Morgen in ihren Schuluniformen auf den Rängen der Sporthalle Platz genommen. In der Mitte des Saales sitzen Männer und Frauen, die in der US Army gedient haben. Ihre Familien-Biografien sind geprägt von Kriegseinsätzen, u.a. gegen Deutschland, wie wir aus den nun folgenden Reden erfahren.
Zwischen der Schulband aus Miami sitzen unsere SchülerInnen mit ihren Instrumenten in der Hand, heute mit besonders glatt gekämmtem Haar. Nur weil ich sie nun schon etwas kenne, da ich sie seit einer Woche durch Florida begleite, kann ich hier und da Müdigkeit oder leichte Skepsis in ihren Gesichtern erkennen. Sie stehen auf, wenn alle aufstehen, hören den Reden zu und sind vor allem einfach da.
Gerade diese Selbstverständlichkeit fällt auf. Nach dem Konzert wird deutlich: Die Veteranen waren sehr bewegt, dass eine Schülerband aus Deutschland anwesend war. Die gemeinsam gespielte Nationalhymne und das aufmerksame Zuhören unserer SchülerInnen, hat etwas in ihrer Wahrnehmung verschoben, so die Schul-Pastorin später in einer Rede an unsere Band. Die stille Präsenz der SchülerInnen aus Deutschland am Veterans Day hat hat nicht nur die Veteranen, sondern auch die Gastredner, die Schulleitung und die Lehrer tief beeindruckt. Sie wurde als Geschenk verstanden, ganz ohne Worte.
Dieser Moment zeigt, dass der Florida-Austausch keine einfache Reise ist – und nicht einfach eine Reise. Unsere jungen Musiker sind BotschafterInnen für ein Land, eine Stadt, eine Schule. Mit Gefühlen und Meinungen und mit Verantwortung und Geschichte im Gepäck. Der Austausch stellt die Reisenden vor persönliche Herausforderungen und bietet damit jede Menge Gelegenheiten, daran zu wachsen.
Wie wichtig die Botschafterrolle der Florida-Reisenden ist, zeigt sich auch beim „Shadowing“ am Tag nach dem Veterans Day. Zwei unserer Bandmitgliederinnen folgen ihren „Hosts“ wie gewohnt in den regulären Unterricht. Im Geschichtsunterricht steht diesmal der Zweite Weltkrieg auf dem Plan. Im Raum entsteht Unsicherheit. Offenbar hat niemand vorher bedacht, dass deutsche Jugendliche anwesend sein würden. Die Lehrerin fragt, ob es für unsere Schülerinnen in Ordnung sei, dieses Thema zu behandeln. Obwohl die Situation unangenehm für sie ist, geben sie ihr Einverständnis und hören zu. So erleben sie, welches Bild von Deutschland im amerikanischen Geschichtsunterricht vermittelt wird. Gleichzeitig erleben die amerikanischen SchülerInnen und die Lehrerin mit ihnen zwei lebendige Gegenentwürfe zur deutschen Geschichte.
Auch hier wird deutlich, was die bloße Präsenz unserer Jugendlichen in den USA bewirkt. Und wie prägende Eindrücke meist ungeplant und nebenbei entstehen.
Am Veterans Day in Miami konnte ich beobachten, wie wertvoll ein Schüleraustausch mit den USA zurzeit ist – auch ohne gesellschaftspolitische Agenda. Oder besonders deshalb. Ohne Musik hätte nichts davon stattgefunden. Gleichzeitig ging die Wirkung weit über die Konzerte hinaus. Der Florida-Austausch der Hochrad Sunshine Band schafft Situationen, in denen Konzepte aufgeweicht werden – mit jungen BotschafterInnen, die nicht erklären. Sie spielen ihr Instrument mit Leidenschaft und sind dadurch einfach sehr präsent.